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Unbequeme Wahrheiten – Welche Zukunft liegt vor uns?

 

Mittelstandsforum der "Koblenzer" 2010

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher,
Jahrgang 1950, ist Leiter des Forschungs-institutes für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm, gleichzeitig Professor für „Datenbanken und Künstliche Intelligenz“ an der Universität Ulm. 
Er ist Mitglied des Club of Rome, 
Präsident des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA), Träger des Global Consciousness Award und ausgezeichnet mit dem Preis des Landes Salzburg für Zukunftsforschung (Robert-Junk-Preis).

 

Prof. Dr. Dr. Radermacher sieht Krise als Chance anlässlich Mittelstandsforum

Dieser Mann hält sich nicht lange mit ausgedehnten Vorreden auf sondern kommt gleich zur Sache. Auch ein Redemanuskript brauchte er nicht anlässlich des diesjährigen Mittelstandsforums der Volksbank Koblenz Mittelrhein eG im Contel Hotel Koblenz. 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befinde sich die Welt in einer extrem schwierigen Situation: Ökologische Probleme, Kampf um Ressourcen, eine drohende Klimakatastrophe, eine Verschärfung der Arm-Reich-Problematik, Konflikte und Unverständnis zwischen Kulturen und eine bedenkliche Entwicklung des Weltbevölkerungswachstums nennt Radermacher gleich eine Reihe von Konfliktfeldern. Alle sind sich einig, dass wir für unsere Kinder und eine lebenswerte Umwelt wollen. Dennoch arbeiten wir ständig dagegen: Wir zerstören die Lebensgrundlage für viele, weil es wenigen Nutzen und Geld bringt. Fünf Prozent der Menschen leben auf Kosten der restlichen 95 Prozent. Prof. Radermacher weist einen Ausweg in die Ökosoziale Marktwirtschaft.

Die weltweite Wirtschaftskrise sei nichts anderes als eine Art Chance, das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich in der Welt besser ins Lot zu bringen. Die Finanzkrise wird nur global, insbesondere unter gemeinschaftlicher Mitwirkung insbesondere der USA und Großbritannien zu lösen sein. Eine Besteuerung globaler Finanztransaktionen müsse zur Schuldentilgung verwandt werden. Unser Planet steht unter Stress, denn seine ökologischen Systeme sind bereits aus dem Gleichgewicht. Alle Probleme, die wir heute haben, z.B. ein Bevölkerungswachstum Richtung 10 Milliarden, mit knappen Ressourcen, mit Technikfolgen, mit immer schneller auf den Markt drängenden Innovationen und dem damit verbundenen Stress, seien nicht die Folgen punktueller Fehler Einzelner. Die Ursache sei strukturell-systemischer Natur.
Radermacher stellt nachvollziehbare Thesen auf, wie wir es schaffen können, im 21. Jahrhundert zu überleben. Die Weltmärkte brauchen wieder - und mehr denn je - adäquate Rahmenbedingungen, d.h. weltweit gültige und durchsetzbare Regelwerke. Radermacher nennt es eine auf das Wohl der Menschen ausgerichtete Global Governance, also einen Länder und lokale Märkte übergreifenden gemeinsamen Konsens. 

Zum Beispiel in der Klimafrage: Entweder finden die Staaten gemeinsame Regeln ihrer Energieproduktion und eine Begrenzung/Reduktion der Klimaemissionen oder wir werden einen hohen Preis zahlen. Ein ebenso weltweite Regulierung sei für die Weltfinanzmärkte von Nöten.
Denn: Droht im Klimabereich der ökologische Kollaps, so droht im ökonomischen Bereich der Kollaps des Weltfinanzsystems. Eine weitere seiner Thesen ist, dass eine bessere Globalisierung möglich sei; vor allem eine gerechtere. Im Finanzsystem heißt das, dass wir ein Bretton Woods II brauchen, in Anlehnung an das noch während des Zweiten Weltkriegs erzielte Abkommen zur Stabilisierung des Währungssystems. Radermacher plädierte für eine Marktwirtschaft, die sozial und ökologisch reguliert wird. Dazu eine wirkliche Steuergerechtigkeit, in welcher Steuerparadiese zu isolieren sind.

Welche Szenarien sind denkbar? Dass das Ende in einem Kollaps der Welt endet, rechnet der Wissenschaftler mit rund 15 %. Wahrlich sei eine sogenannte „Brasilianisierung“. Er meint damit: Eine ziemlich arme Mehrheit (95 % der Weltbevölkerung) steht einer reichen Elite (5 %) gegenüber. Eine Entwicklung, die bis vor wenigen Jahren auch für Europa galt. Der Clou: Wohlhabende Staaten, wie Deutschland, müssen trotz der Umverteilung nicht am Hungertuch nagen. Die Armutsfrage ist nur global zu lösen.
Oder ist doch eine „Welt in Balance“ möglich?
Mit Blick in die Zukunft fordert der Wissenschaftler dazu aber weltweite Länder und Kontinente übergreifende politische Konsequenzen hinsichtlich Weltfinanzsystem, dem Klimabereich und der Abschaffung von Steuerparadiesen zur Sicherung eines auskömmlichen Lebens auf unserer Erde. Radermacher nennt es „Global Marshall Plan“ als ein gut durchdachtes Paket von Regelungen, Finanzierungs- und Umsetzungsvereinbarungen, das durchaus auch unter den gegebenen Machtverhältnissen, eine Umsetzungschance besitzt. Kooperation ist der elementare Fortschrittsfaktor. Ein solcher Plan ist gleichzeitig ein Investitionsprogramm für die Welt als Ganzes: Entwicklungsländer, Schwellenländer und Industriestaaten. Ein solcher Global Marshall Plan kommt nicht von alleine. Aber er eröffnet in Zeiten extremer Bedrohung substanzielle neue Chancen, so Radermacher. 

Einhellige Meinung der Zuhörer: Radermacher analysiert nicht nur, sondern bringt auch Lösungen!